Die Euphorie zurückhalten

Die letzten Stunden einer durchtanzten Nacht, ein repressiver Polizeistaat, ein einsames futuristisches Zuhause. Im neuen Musikvideo der Band Gudrun von Laxenburg verweben sich Köper, Raum und Zeit auf dystopische Weise.

Das formal beeindruckende Musikvideo Gudrun von Laxenburg: Moving Water von Regisseur Sebastian Mayr feiert auf der Diagonale seine Premiere auf großer Kino-Leinwand. Editor Sebastian Longariva erzählt im Gespräch, warum er im Schneideraum seine Euphorie über das vorhandene Material zurückhalten musste.

Wann und warum war für dich klar, dass du Schnitt studieren willst?

SL: Dass ich Schnitt studieren, bzw. Filmschnitt als Arbeit machen will, wurde mir so richtig bewusst, als ich 2010 bei einem lokalen Südtiroler Fernsehsender ein Schnitt- und Kamerapraktikum machte. Während dieser zwei Monate gab es keinen Moment, an dem ich auf die Uhr schaute und auf den Feierabend hoffte, was vorher bei so einigen Jobs der Fall war. Dies war für mich ausschlaggebend, die Aufnahmeprüfung an der Filmakademie ein zweites Mal zu versuchen.

Wie unterscheidet sich deine Herangehensweise im Schnitt bei Spielfilmen im Gegensatz zu Musikvideos?
Sebastian Longariva (Foto: privat)

Sebastian Longariva (Foto: privat)

SL: Grundlegend ist meine Herangehensweise dieselbe, ich versuche mit dem Bildmaterial die vom Buch oder Konzept ausgehende Geschichte zu erzählen. Rhythmisch gibt es für mich allerdings einen grossen Unterschied: Beim Spielfilm versuche ich durch das gedrehte Material den Rhythmus des Filmes herauszuarbeiten; Ton und Musik sollen verstärken oder abschwächen, was durch das Bild entsteht. Beim Musikvideo ist die Tonebene bereits vor dem Dreh gegeben und gibt den Rhythmus vor. Hier gilt für mich: Bild folgt Musik.

 Ab wann bist du als Cutter in die Projekte involviert?

SL: Ehrlich gesagt, bin ich gerne so früh wie möglich involviert. Wenn das Drehbuch in der finalen Bearbeitung ist und ich noch die Möglichkeit habe Punkte anzusprechen, die ich im Schnitt problematisch finde oder mir nicht ganz vorstellen kann. Ich finde es sinnvoll, wenn das Kernteam (Produktion, Regie, Kamera und Schnitt) und nicht nur die Regie die Vision des zu entstehenden Films vor Augen hat bevor der Dreh beginnt. Während des Drehs gibt es selten Zeit für Verständnisfragen und im Schnittraum, nach dem Dreh, ist es leicht zu sagen: „Wär’s doch mehr so oder so!“ Aber dann ist es meistens zu spät eine Lösung ohne Kompromisse zu finden.

Welche großen Herausforderungen gab es im Schnittprozess von Moving Water?

SL: Die Euphorie zurückzuhalten! Als Cutter bekommst du nicht alle Tage so ein Material in die Hände und dann passiert es schon mal, dass ich mir selber im Weg stehe. Zu Beginn war, soweit ich mich erinnere, eine Woche Schnittzeit geplant. Der drehende Raum war ein Achsen-technisches Neuland für mich und es benötigte zwei Deadline-Aufschübe, bis ich damit zufrieden war. Ich wollte immer, dass sich der Raum für den Zuschauer wie eine Waschmaschine dreht. Klassischer „Egofail“ meinerseits, da es nicht darum ging die Drehung zu erklären, sondern den inneren Zustand der Hauptperson.

Sebastian Longariva (geb. 1985 in Bozen) absolvierte 2015 sein Bachelorstudium in Schnitt an der Filmakademie Wien, seit 2015 befindet er sich im Masterstudium. Als Editor hat er bereits zahlreiche Kurzfilme, Webserien und Musikvideos umgesetzt (u.a. Erlösung, Regie: Mark Gerstorfer; Die Hochzeit, Regie: Sebastian Mayr; The Food an Beer Geeks, Regie: Sebastian Mayr). Zur Zeit arbeitet er gemeinsam mit Regie-Student Mark Gerstorfer an dessen Masterfilm TNT, ein Boxer-Kurzfilm.