Ein Gefühl von Authentizität

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Matthias Krepp und Angelika Spangel präsentieren auf der Diagonale eine erste Arbeitsfassung  ihres eindringlichen Dokumentarfilms Sand und Blut

„Es war das Paradies. Aber jetzt ist es die Hölle.“ Für ihren Dokumentarfilm Sand und Blut haben Regie-Student Matthias Krepp und Kamera-Studentin Angelika Spangel mit Augenzeugen des Kriegs im Irak und in Syrien gesprochen, die dem Schrecken entkommen konnten und nun als Flüchtlinge in Österreich leben. „Ein erschütternder Film, der durch die geschickte Montage unterschiedlicher Sichtweisen und Positionen jegliche moralische Einteilung in Täter vs. Opfer, gut vs. böse als unhaltbar entlarvt“, schreibt die Diagonale über den Film.

Im Interview erzählen die beiden FilmemacherInnen unter anderem von den Hürden, die sie durch die Beschaffenheit ihres Bildmaterial nehmen mussten und die damit verbundenen Limitierungen, die sich im Schnitt ergaben.

Ihr studiert Regie und Kamera, schneidet die Doku aber selbst. Wie kam es zu der Entscheidung?
AngelikaSpangel

Angelika Spangel (Foto: Diagonale)

MatthiasKrepp

Matthias Krepp (Foto: Diagonale)

MK & AS: Der Film besteht ausschließlich aus Videos, die von Demonstranten, Zivilisten, Rebellen bzw. Kämpfern in Syrien und im Irak selbst aufgezeichnet wurden. Wir haben Interviews mit in Österreich lebenden Flüchtlingen geführt, entsprechende Videos recherchiert und das vorhandene Material geschnitten. Das letzte Interview wurde erst vor etwa zwei Monaten aufgezeichnet – da waren drei Viertel des Films bereits fertig und sind seither kaum verändert worden. Es gab diese klassischen, separaten Arbeitsphasen also nicht. Dennoch war die Entscheidung, den Film selbst zu schneiden, nicht von vornherein klar. Nachdem sich das Konzept konkretisiert hat, wollten wir es auf seine Machbarkeit erproben und haben kleinere Sequenzen geschnitten. Der Plan war, eine Art Vorarbeit zu leisten, nicht zuletzt auch aufgrund des großen Arbeitsaufwandes, der mit der Recherche einherging, um dann mit einem befreundeten Cutter die eigentliche Schnittarbeit auszuführen. Dieser Prozess hat sich dann über fast eineinhalb Jahre erstreckt, währenddessen ist der Rohschnitt für diese erste Fassung entstanden. Dann war aber auch schon so viel Arbeit getan, dass wir den Film schließlich im ganz kleinen Team fertigstellen wollten. Wir sind dennoch mit besagtem Kollegen in Kontakt geblieben und haben immer wieder Feedback von ihm eingeholt. Einige seiner Anregungen haben wir auch dankbar in den Film aufgenommen.

Habt ihr das Bildmaterial vor, während oder nach den Interviews mit euren ProtagonistInnen gesucht bzw. gefunden?

MK & AS: Diesbezüglich gab’s alle drei Varianten. Die meisten der Videos werden ja nicht direkt von den Interviewten kommentiert – wir haben sie großteils erst nach den Interviews gesucht. Andere wurden uns während der Gespräche von den Interviewpartnern gezeigt, wiederum andere haben wir schon im Vorhinein vorbereitet und die Protagonisten während der Gespräche mit ihnen konfrontiert. Dadurch haben sich oft spontanere und emotionalere Reaktionen ergeben.
Ganz generell möchten wir hervorheben, dass wir bei der Videorecherche auch auf die Geduld und das Engagement eines syrischen Freundes, der selbst nicht interviewt werden wollte, angewiesen waren. Wir sind ihm für seine Unterstützung unendlich dankbar – ohne ihn hätten wir den Film nicht machen können.

Filmstill aus "Sand und Blut"

Filmstill aus „Sand und Blut“

Welche großen Herausforderungen/Hürden/Überraschungen gab bzw. gibt es im Schnittprozess von Sand und Blut?

MK & AS: Eine der größten Herausforderungen war und ist, dass auf Kommentare und Erklärungen im Film vollkommen verzichtet wird. Dafür haben wir uns ganz bewusst entschieden, weil es den Blick auf die persönlichen Geschichten der Charaktere verstellen würde, auf die wir uns konzentrieren wollten. Trotzdem kommen regelmäßig Begriffe oder Ereignisse vor, die denjenigen Zuschauern, die sich mit der Materie noch nie befasst haben, nicht bekannt sein dürften. Wir haben versucht, den Film so zu konstruieren, dass er die Zuschauer auch über diese Strecken emotional tragen kann. Ein Beispiel dafür: Einer der interviewten Iraker war als Kind Augenzeuge bei einem historischen Ereignis. 2004 wurden vier amerikanische Söldner im irakischen Falludscha in einen Hinterhalt gelockt und massakriert. Dass das nicht irgendein beliebiges Attentat, sondern ein Wendepunkt im Irakkrieg war, wird im Film nur in Ansätzen erwähnt und ist (jedenfalls ist das unser Ansatz) für das Verständnis des Films nicht relevant.

Natürlich hat uns auch die Beschaffenheit des Originalmaterials vor große Hürden gestellt, einerseits durch die damit verbundenen Limitierungen im Schnitt, andererseits auch wegen der oft sehr minderwertigen technischen Qualität, die zwar ein Gefühl von Authentizität verstärkt, aber auch die Rezipienten vor große Herausforderungen stellt. Es ist oft schwierig, diesen teilweise unscharfen und verwackelten Videos auf einer Leinwand zu folgen. Nicht nur in dieser Hinsicht sind wir schon sehr gespannt auf das Screening in Graz.

Ihr zeigt auf der Diagonale eine 1. Arbeitsfassung des Films. Inwieweit hilft euch das Feedback für die Finalisierung des Films?

MK & AS: Wir haben den Film in verschiedenen Entstehungsphasen bereits mit mehreren Leuten gesichtet und eines ist schon jetzt sehr deutlich: Es bleiben jeweils vollkommen verschiedene Geschichten und Aspekte im Gedächtnis haften. Die Reaktionen waren immer sehr unterschiedlich, trotzdem haben wir enorm von diesem Feedback profitiert und auch einiges davon bereits eingearbeitet. Wir sind also sehr dankbar und finden es ein riesiges Privileg, den Film noch vor seiner Fertigstellung im Rahmen der Diagonale einem größeren Publikum präsentieren zu können. Dementsprechend wird das Feedback sehr wichtig für unsere weitere Arbeit sein.

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Filmstill aus „Sand und Blut“

Angelika Spangel (geb. 1987 in St. Pölten) studierte Bildungswissenschaften an der Universität Wien, sie erhielt ihr Diplom 2012. Seit 2013 studiert sie Bildtechnik und Kamera an der Filmakademie Wien.
Matthias Krepp (geb. 1987 in St. Pölten) studierte vergleichende Literaturwissenschaft und Geschcihte an der Universität Wien. Seit 2012 studiert er Regie an der Filmakademie Wien. Sand und Blut ist ihr zweiter gemeinsamer Film.