Mysterium Schnitt

Filmstill aus "Federspiel - Morsen"

Nooran Talebi erzählt im Interview, wie er seinen (Schnitt)Rhythmus findet

Im Musikvideo Federspiel – Morsen von Regie-Student Simon Spitzer und Jessyca R. Hauser treffen Lacrosse-Sportlerinnen am Spielfeld auf moderne Blasmusik. Eine außergewöhnliche Kombination, eine Konfrontation und ein Kampf – erzählt in assoziativen, energiegeladenen Bildern.

Nooran Talebi – Schnitt

Wann und warum war für dich klar, dass du Schnitt studieren willst?

NT: Das klingt jetzt vielleicht unromantisch, aber mein Interesse für Schnitt kam durch meine tiefe Angst davor. Als ich während  meiner Schulzeit begonnen habe, mich für Film zu interessieren, war der Schnitt das größte Mysterium. Wie man aus Einzelteilen ein organisches Ganzes formt, wie man mit On und Off umgeht, eigentlich, wie man filmisch erzählt. Ich habe zunächst Medientechnik an der Fachhochschule St. Pölten studiert, ein Kombinationsstudiengang aus vielen filmischen Disziplinen ohne einen zentralen Schwerpunkt. Dort habe ich die meiste Zeit im Schnittraum verbracht. Und als die Angst vor dem Schneiden verschwand, habe ich bemerkt, dass es mir wirklich Spaß macht. Nach der FH wollte ich mich noch tiefer damit auseinandersetzen und wurde glücklicherweise an der Filmakademie Wien in die Schnittklasse aufgenommen.

NooranTalebi (Foto: privat)

Wie unterscheidet sich deine Herangehensweise im Schnitt bei z.B. Spielfilmen oder Dokus im Gegensatz zu Musikvideos?

NT: Für mich gibt es nicht den repräsentativen Spielfilm, die repräsentative Doku oder das repräsentative Musikvideo. Jedes Projekt ist sehr individuell und verlangt auch danach, individuell behandelt zu werden. Es gibt natürlich Dinge, die man als typisch für ein Musikvideo bezeichnen würde, aber ich versuche, mir eine Offenheit gegenüber dem Material zu behalten. Meine Herangehensweise ist also immer die gleiche: Ich versuche, mir einen Überblick über das Material zu verschaffen um dessen Stärken und Besonderheiten herauszufinden – das, was das Material aus sich heraus erzählt und bewirkt.

MORSEN ist ein sehr originelles Musikvideo zu einer Musik, die man nicht gleich mit klassischen Musikvideos assoziiert. Wie findest du den Schnittrhythmus zur Musik? Ist es für einen Editor wichtig, sich musikalisch auf verschiedenen Gebieten auszukennen?

NT: Ich glaube, es ist ein Vorteil, sich musikalisch auszukennen. Ich spiele allerdings kein Musikinstrument und habe auch keine Ahnung von musikalischen Fachbegriffen. Ich versuche genau zuzuhören und mir vorzustellen, welche Bilder, Bewegungen und Schnittfrequenzen  im Zusammenspiel mit der Musik spannend wären. Dann arbeite ich gemeinsam mit der Regie daran, die Bilder für die verschiedenen Stellen der Musik zu finden. Das Finden des finalen Rhythmus ist ein Prozess, der sich nicht wirklich in Worte fassen lässt. Manches fühlt sich einfach gut an und anderes weniger gut. Ein ausgelutschter Satz, ich weiß.

Welche großen Herausforderungen gab es im Schnittprozess von MORSEN?
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Filmstill aus „Morsen“

NT: Das Material ist im Studio und auf einem Sportplatz entstanden. Das Studiomaterial war sehr artifiziell. Das Material vom Sportplatz wurde On Location gedreht und Vieles von dem, was wir sehen, ist durch eine dokumentarische Arbeitsweise eingefangen worden. Diese beiden Ebenen miteinander zu verbinden und ihnen eine gleichberechtigte Relevanz zu geben, hat für mich wahrscheinlich die größte Herausforderung dargestellt. Keines der beiden Elemente sollte trivial erscheinen, für sich stehen zugleich aber auch die andere Erzählebene unterstützen. Und natürlich die Herausforderung, die sich bei jedem Projekt stellt: Wie schaffen wir es nicht langweilig zu sein? Das ist am Ende bei meiner Arbeit doch immer das wichtigste. Egal ob es sich um ein Musikvideo oder einen Kunstfilm handelt.

Nooran Talebi (geb. 1987 in Teheran) absolvierte das Bachelorstudium der Medientechnik an der FH St. Pölten bevor er 2011 sein Schnitt-Studium an der Filmakademie Wien begann. Neben zahlreichen Fernsehwerbungen arbeitet er als Editor für Kurzfilme (Wenn’s kalt wird, Regie: Dominik Hartl, Generalprobe, Regie: Jannis Lenz) und Musikvideos. Zuletzt zeichnete er verantwortlich für Schnitt zum abendfüllenden Dokumentarfilm Paradies! Paradies! (Regie: Kurdwin Ayub), der auf der Diagonale 2016 mit dem Preis für „Beste Kamera“ ausgezeichnet wurde, bei der Duisburger Filmwoche den Nachwuchspreis erhalten und den „New Waves Award“ beim Filmfestival Sevilla gewonnen hat.