Blick des Unbändigen

Eine Keynote zum Semesterbeginn von Fred Kelemen, der seit Beginn des Studienjahrs 2026/27 als neuer Professor für Regie an der Filmakademie Wien lehrt.

BLICK DES UNBÄNDIGEN
von Fred Kelemen

“Man müßte Schluß machen mit den Worten. Nichts bessert sich, solange wir nicht wirklich reinen Tisch machen. Filmkunst ist das, was sich mit Worten nicht erzählen lässt. Aber versuchen Sie einmal, das Menschen begreiflich zu machen – Ihnen, mir und den anderen –, deformiert durch an die dreißig Jahrhunderte Schwatzhaftigkeit: Lyrik, Theater, Roman… Man müßte ihnen den Blick des Unbändigen wiedergeben, des Kindes …” (René Clair)

Dies schrieb René Clair 1923. Und der von ihm ausgerufene Appell klingt dringlich und gültig durch ein Jahrhundert hinein in unsere Gegenwart. Heute beginnt ein neues Semester. Und auch für die Erstsemesterstudierenden, wie für mich, ist es ein Beginn. Ich habe mit ihnen gemeinsam, ein “Ersti” zu sein. Und ich teile mit ihnen die Freude, hier sein und einander in den nächsten Jahren kreativ begleiten zu dürfen, getrieben von der Lust zu überwinden, was auch immer an entmutigenden Hindernissen auf den Wegen lauert.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“, schrieb Hermann Hesse.
Ich wünsche uns allen, den Zauber des Beginns bewahren zu können in ständigem Erinnern daran, jeden Tag aufs Neue Beginnende zu sein. Und ich hoffe, daß uns gelingt – und wir sollten es unermüdlich versuchen – zunächst für uns selbst jenen Blick, von dem René Clair schrieb, wieder zur erlangen. Jenen befreiten, staunenden, offenen, verwundbaren, kreativen Blick, der radikal, also an der Wurzel, eine Welt sieht in ihrer ganzen, erschütternden Großartigkeit – ein Gesicht, eine Geste, eine Bewegung, ein Material, ein Licht, ein Dunkel – und sie so sehend erschafft ohne die sedierende Haltung vermeindlichen Bescheidwissens. Keinen abgeköschten, sondern einen brennenden Blick entdeckenden Schöpfens. Und dies mit der notwendigen Ernsthaftigkeit, verpflichtet der Leidenschaft für die Filmkunst und dem Respekt für die Menschen. Dann wird der Weg freudvoll, erfüllend und die hinterlassene Spur leuchtend sein.

Enden möchte ich mit einem Zitat Luis Buñuels:
„In jeder Gesellschaft trägt der Künstler eine Verantwortung. Seine Wirkungsmacht ist gewiss begrenzt, und ein Maler oder Schriftsteller kann die Welt nicht verändern. Doch sie können einen wesentlichen Spielraum der Nonkonformität bewahren. Dank ihnen können die Mächtigen niemals behaupten, dass alle mit ihrem Handeln einverstanden sind. Dieser kleine Unterschied ist wichtig.“

Fred Kelemen