Eine Socke kommt selten allein

Filmstill aus "Das beste Orchester der Welt"
Wohltemperiert ist ein Wort, das im Gespräch mit Henning Backhaus öfters fällt. Bei einem Musiker wäre das nicht weiter überraschend, aber dass ein Filmemacher es gebraucht, ist doch eher bemerkenswert. Fast jede seiner Regiearbeiten zeigt, dass ihr Schöpfer sich auch in der Musik zu Hause fühlt. „Im Grunde“, meint der gebürtige Dresdner, „ist ein Film ja auch Musik in Bildern.“ Seine jüngste Arbeit, der Animationsfilm Das beste Orchester der Welt mit Socke Ingbert in der Hauptrolle wurde Anfang dieses Jahres beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken als bester Kurzfilm ausgezeichnet. – Doch dazu später.

Dass der Spross einer hochmusikalischen Familie in Wien an der Filmakademie Wien landen und bei Michael Haneke Regie studieren würde, war nicht unbedingt vorhersehbar. Es gab daheim keinen Fernsehapparat, dafür sang er von klein auf in einem Knabenchor und dachte sich eigene Filmgeschichten aus. Später lernte er Klavier, allerdings ohne allzu große Begeisterung, und fing mit dem Sammeln von Filmmusik an – eine Leidenschaft, der Backhaus bis heute frönt. Nach dem Abitur bewarb er sich an Filmschulen in Ludwigsburg und in Potsdam, kam auf den ersten Platz einer Warteliste und war letztendlich froh, dass er sein Glück auch noch in Wien versuchte. Denn schon bei der Aufnahmeprüfung, erinnert sich der Filmemacher, ging es im Vergleich mit Deutschland sehr entspannt zu: „Alles war zugequalmt, alle haben Kaffee getrunken und das Gespräch endete damit, dass ich gar nichts mehr zu sagen brauchte, sondern die Mitglieder der Kommission anfingen untereinander zu diskutieren. Das habe ich als extrem angenehm empfunden.“

Sein bisheriges filmisches Œuvre zeugt von vielfältigen Interessen. 2007 war er unter den neun Studierenden, die das Drama Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner als hochemotionales Kammerspiel inszenierten und in die Jetztzeit versetzten. 2012 drehte er Langes kurzes Leben, einen einstündigen Dokumentarfilm über Tuvia Rübner. Der aus Bratislava stammende Dichter und Literaturwissenschaftler war 1941 als 17-Jähriger nach Palästina emigriert. Der schnörkellos gestaltete, feinste Zwischentöne registrierende Film zeigt Rübner, einen gewitzten, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten hochbetagten Mann, in seinem Haus im Kibbuz Merchawia und begleitet ihn auf einer Reise in seine Geburtsstadt. „Es war, wie wenn man Joseph Roth liest“, sagt der Filmemacher über diese Begegnung. „Da begreift man erst, woher man selber kommt. Rübner ist dreisprachig aufgewachsen, als die Stadt noch mehrheitlich Pressburg genannt wurde, und das Deutsch jener Zeit war in ihm wie lebendig konserviert.“

Danach wechselte Backhaus erneut die Register. Sein nächstes Werk, unter professionellen Produktionsbedingungen entstanden, erzählt die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen, um einen Plattenvertrag kämpfenden Gitarristen namens Tommy und seiner Band: Local Heroes, so heißt auch der Spielfilm, der Anfang 2013 in die Kinos kam und schnell wieder aus ihnen verschwand. „Ein typischer Debütfilm mit jungen Leuten, die in der Großstadt leben und ihre Großstadtprobleme haben“, bekennt der Regisseur und Drehbuchautor. „Ich hab viel gelernt dabei, das Problem ist nur: Ein schlechter Film macht genauso viel Arbeit wie ein guter Film, und Local Heroes hat wahnsinnig viel Arbeit gemacht.“ Woraufhin sich Henning Backhaus eine ausgedehnte Selbstfindungsphase verordnete, fünf Jahre lang für einen Hungerlohn Opern-Übertragungen für den Livestream der Wiener Staatsoper machte, sich schließlich auf sein Faible für Comics, die Sesamstraße sowie Jim Hensons legendäre Kinofilme aus den 1980er-Jahren besann und noch einmal ganz etwas anderes ausprobierte: Animationsfilm.

Für gewöhnlich treten Socken paarweise in Erscheinung. Eine einzelne, wie Ingbert eine ist, stimmt unweigerlich melancholisch, und nicht nur beim Ausräumen der Waschmaschine, sondern erst recht in Großaufnahme auf der Leinwand. Seinen ersten Auftritt hat Ingbert im Kurzfilm Gute Nacht (2016) zum gleichnamigen, von Kristján Jóhannesson interpretierten Lied aus Schuberts Winterreise, das in Backhaus’ Vision zum tragikomischen Suiziddrama wird. Die schnöde Welt, aus der Socke Ingbert scheidet, ist in Schwarzweiß gehalten; eine kurze Rückblende in prächtigen Frühlingsfarben zeigt den Grund für seine Depression („Die Liebe liebt das Wandern …“).

Als wir die Winterreise gemacht haben, mit Ingbert, der Socke, in der Hauptrolle, da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, filmisch zu mir selbst gefunden zu haben.

Gute Nacht ist beides zugleich, eine Tragödie zum Lachen und eine Komödie zum Weinen, und wurde auf Dutzende internationale Festivals eingeladen. „Als wir den Film gemacht haben“, sagt Henning Backhaus, „da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, filmisch zu mir selbst gefunden zu haben. Es war eine wunderbare Dreherfahrung.“ Die in dieser Form vermutlich nur an der Filmakademie Wien möglich war, „dem einzigen Ort, an dem wir auch mit technisch aufwendigen Sachen experimentieren konnten“.

So entstand aus der Zusammenarbeit mit dem CGI-affinen Kameramann Matthias Halibrand und den Co-Autoren Rafael Haider und Albert Meisl voriges Jahr Das beste Orchester der Welt. In diesem zweiten Film mit Socke Ingbert bewirbt diese sich als Kontrabassist bei der Wiener Staatskapelle und findet sich unversehens in einem Labyrinth aus systematischer Diskriminierung und absurder Ideologie wieder. Hinter dem 13 Minuten kurzen Film steckt unendlich viel Kleinarbeit, wobei die Gestaltungsmittel immer weiter verfeinert wurden. „Bei den Muppets beispielsweise sieht man nur den Oberköper“, erklärt der Filmemacher, „bei unserer Socke sieht man, wie sie über den Boden läuft. Wir haben Totalen gemacht, haben animatronische Modelle mit analogen Bauten kombiniert und mit Retuschen gearbeitet, die erst im digitalen Zeitalter möglich geworden sind.“

Michael Haneke, der sich den Rohschnitt ansah, habe kein einziges Mal gelacht, sondern gemeint, dass das ein wahnsinnig deprimierender Film sei, erinnert sich Backhaus. „Er hat sich mit Äußerlichkeiten, dem Puppenkram, gar nicht erst aufgehalten, sondern ist gleich zum Kern vorgedrungen, der ja wirklich deprimierend ist.“ Nicht das wohltemperierte Drama ist für Henning Backhaus die probate Form, um heute gehaltvoll über die Gegenwart zu reflektieren, sondern die Komödie. Mit dem Erfolg seiner zwei Animationsfilme sollte er dem Ziel, eine abendfüllende Komödie mit Socke Ingbert realisieren zu können, ein großes Stück nähergekommen sein.

Text: Michael Omasta
Der Text ist im mdw-Magazin Mai/Juni 2020 erschienen.

Matthias Halibrand & Henning Backhaus bei der Verleihung des Max Ophüls Preis © ffmop/Ali Ghandtschi