CONFRONTING REALITIES

 

AR Pilotprojekt zur Arbeit an filmischen Autosoziobiographien

gefördert durch AR Pilot – den mdw-Call für Artistic Research Projects

In Zeiten eines weltweiten Rechtsrucks und erstarkenden Nationalismus und Populismus ist die lange tabuisierte Frage nach sozialen Klassen wieder aktuell geworden. Viel diskutiert wurde in diesem Kontext eine Reihe von Büchern, in denen die Autor*innen neue Formen der Autobiografie entwickeln, die Geschichte ihrer sozialen Herkunft erzählen und sie zu größeren gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Bezug setzen: Bücher wie Rückkehr nach Reims von Didier Eribon (dt. 2016), Die Jahre von Annie Ernaux (dt. 2017) oder Hillbilly-Elegie von J.D. Vance (dt. 2016).

Im Anschluss an solche literarisch-soziologischen Autosoziobiografien fragt das künstlerische Forschungsprojekt „Confronting Realities. Arbeit an filmischen Autosoziobiografien“ nach möglichen filmischen Verfahren, Formen und Narrativen, sich mit Fragen sozialer Herkunft, Klassenverhältnissen und -gegensätzen auseinanderzusetzen. Wie könnten filmische Autosoziobiografien aussehen, gibt es ein spezifisch filmisches „Klassenwissen“? Wie lassen sich Fragen von Klasse, Schicht, Milieu jenseits ideologisch aufgeladener Klischees im Film thematisieren? Was passiert, wenn die sozialen Herkünfte, die konkreten Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Filmschaffenden in den filmischen Prozess miteinfließen, ja selbst zum Thema werden? Welche alternativen Arbeits- und Entwicklungsansätze können hierbei gefunden werden?

Das künstlerische Forschungsprojekt lädt Filmstudierende und Performer*innen mit diversen Hintergründen ein, die eigenen Biografien, Lebens- und Arbeitsumstände gemeinsam als Materialfundus für filmisches Geschichtenerzählen zu erkunden; den Teilnehmer*innen wird sowohl theoretisch-filmhistorisches als auch konkret-praktisches Rüstzeug (z.B. Biografie-, Schauspiel- und Körperarbeit sowie Improvisation als Verfahren der Stoff- und Dialogentwicklung) vermittelt, um in diese Richtungen experimentieren zu können.

Das künstlerische Forschungsprojekt ermutigt die Teilnehmer*innen dabei auch, Grenzziehungen, die oft die Filmproduktion bestimmen, spielerisch in Frage zu stellen: zum einen die starre Unterscheidung zwischen Fiktion und Dokumentation, zum anderen das hierarchische Gefälle zwischen Filmemacher*innen und Performer*innen. Erprobt werden können hybride Formate zwischen Fiktion und Dokumentation, die in kollektiven und nicht-hierarchischen Arbeitsprozessen zwischen Filmemacher*innen und Performer*innen entstehen.

Das Projekt versteht sich als Art-based Research-Projekt, in dem der künstlerische Prozess sowie die künstlerische Produktion und Praxis als Methode für Erkenntnisgewinn genutzt werden.

Auftaktworkshop mit Valeska Grisebach, Nina Kusturica und Barbara Wolfram am 8./9. April 2019

Details

Forschungsschwerpunkt |Alternative Formen und Verfahren der künstlerischen Produktion und Arbeit; Performative und Filmische Praxis in der Arbeit mit filmischen Autosoziobiographien

Projektleitung |Prof.in Claudia Walkensteiner-Preschl

Team | Nina Kusturica, Barbara Wolfram, Christina Wintersteiger, Elena Meilicke

Kooperationen | Valeska Grisebach , Max Reinhardt Seminar Wien

Studierende Filmakademie | Bruno Kratochvil, Matteo Sanders, Andreas Schiessler
Performer*innen | Saad Al Gefhari, Enzo Brumm, Tamim Fattal, Negin Rezaie, Susanne Siebel, Maren Streich, Hayder Wahab, Wiebke Yervis
Studierende Filmakademie Fachbereich Film- und Medienwissenschaft | Hans Broich, Sarah Handler, Nicolas Pindeus, Jana Libnik

Laufzeit | Oktober 2018 bis Oktober 2019

Finanzierung | mdw-Call für Artistic Research Projects

Ablauf

Das künstlerische Forschungsprojekt besteht aus einem zweitägigen Auftaktworkshop mit Valeska Grisebach (Filmregisseurin), Nina Kusturica (Regisseurin, Cutterin und Produzentin)  und Barbara Wolfram (Theaterregisseurin und Filmwissenschaftlerin) , in dem einerseits theoretische, filmhistorische und -kritische Perspektiven diskutiert und andererseits konkrete künstlerische Arbeitsweisen vorgestellt werden, mit Hilfe derer autosoziobiografische Stoffe, Geschichten und Szenen entwickelt werden können.

Auf der Grundlage des Workshops entwickeln die Teilnehmer*innen in Arbeitsgruppen kurze filmische Szenen, die im Filmlabor im Juli realisiert werden.

Das künstlerische Forschungsprojekt versteht sich als Labor und Experimentierfeld. Ziel sind der Prozess, das Ausprobieren und die Reflexion neuer Arbeitsweisen und Formate. Während des Filmlabors stehen Nina Kusturica und Barbara Wolfram den Arbeitsgruppen als Mentorinnen zur Seite.

Beim finalen Screening im Oktober werden die Szenen vorgeführt und gemeinsam diskutiert; auch die Erfahrungen im Arbeitsprozess werden rekapituliert.

Auftaktworkshop mit Valeska Grisebach, Nina Kusturica und Barbara Wolfram am 8./9. April 2019